Klientenzentrierung in der Ergotherapie

Klientenzentrierung in der Ergotherapie - Warum sagen wir „Klient“?

fille"Patient" sagte man früher. Heute sagt man eher "Klient". Warum?

Image 001Ein „Klient“ ist jemand, der in einer gleichwertigen Rolle wie sein Gegenüber ist. Er möchte von einem Therapeuten eine ganz bestimmte Hilfe, und so weit wie möglich selber bestimmen, was genau mit ihm passiert, und fragt deswegen viel. Therapeut und Klient diskutieren dann über mögliche Lösungswege. Es ist der Klient, der letztendlich entscheidet, was gemacht wird und der die Verantwortung dafür trägt. Der Therapeut ist Partner im Therapieprozess und respektiert die Entscheidungen des Klienten. Er informiert und berät den Klienten, um diesem dadurch Entscheidungen zu ermöglichen.
 „Patient“ steht meistens für jemanden, der in einer schwachen Position ist: er ist krank, hilflos, kennt sich nicht aus. Ein Patient erwartet von Therapeuten, dass diese die Führung übernehmen und ihm helfen. Ein Patient verhält sich eher abwartend; Patienten müssen auch oft lange auf etwas warten (being patient). Therapeuten erwarten in einer Therapeut-Patient Beziehung, dass der „Patient“ genau macht, was sie vorschreiben, dass er „kooperiert“ und nicht zu viel fragt. Der Therapeut entscheidet, was in der Therapie gemacht wird. Der „Patient“ darf manchmal etwas mitentscheiden. Der Therapeut ist „wohlwollend autoritär“.
Ob man Patient, Klient, Person, Bewohner, Teilnehmer oder andere Worte benutzt, ist nicht so wichtig, wichtig ist nur, dass die Therapeutin eine klientenzentrierte Haltung im Therapieprozess hat. Darüber jetzt mehr.

garconWer ist der Klient in der Ergo…?


Jeder, der eine Veränderung in seinen Alltagshandlungen möchte. Das ist der Betroffene selbst (ein Mann mit Halbseitenlähmung, ein Kind mit Aufmerksamkeitsstörungen), aber auch Angehörige, Familie, Lehrer, Pflegepersonen, Betreuer, die im Alltag des Betroffenen dabei sind. Meistens haben wir es mit mehreren Klienten zu tun.

filleWie sieht Klientenzentrierung in der Ergotherapie aus?

Image 002Der Klient sagt der Ergotherapeutin, welche Alltagshandlungen er (wieder) ausführen möchte. Alltagshandlungen sind oft Routine. Routine zu verändern ist nicht einfach, weil man dafür ganz banale Dinge (Zähne putzen, Rasen mähen, einkaufen) sehr bewusst durchführen muss, um etwas ändern zu können. Die Entscheidung, etwas in seiner Alltagsroutine zu verändern, kann nur die Person selbst treffen. Da können Therapeuten nur empfehlen…

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Beispiel: Hubert hat Rückenprobleme beim Kochen. Er kocht immer im Stehen.

Image 003Nehmen wir an, seine Ergotherapeutin sagt: Sie sollten dabei mehr sitzen, das ist besser für ihren Rücken. Sie ist eine sehr erfahrene Ergotherapeutin und weiß genau, dass das richtig ist. Er fühlt sich aber sehr unwohl, wenn er im Sitzen kocht, er ist nicht mehr „er selbst“. Also tut er es meistens nicht und erträgt die Rückenschmerzen. Die Ergotherapeutin war hier „wohlwollend autoritär“ und hat einen generellen Rat gegeben, der zwar sehr gut war, aber nicht angenommen werden konnte.
Nehmen wir jetzt an, dass Hubert auf eine andere Ergotherapeutin trifft, die diesmal klientenzentriert vorgeht. Er sagt wieder: „ich habe Rückenschmerzen beim Kochen“. Die Ergotherapeutin fragt, ob er sich zuhause beim Kochen filmen kann, und schaut sich nachher das Video mit ihm zusammen an. Sie fragt, in welcher Situation er Schmerzen hatte. Er kann es genau beschreiben: „hier beim Bücken, dort beim Tragen, und da beim langen Stehen, um das Gemüse zu putzen“. Gemeinsam diskutieren Hubert und die Ergotherapeutin über mögliche Lösungen für diese unterschiedlichen Probleme. Hubert entscheidet, was er ändern möchte: weniger Bücken, andere Tragetechnik und das Gemüseputzen sitzend am Küchentisch, um seinen Rücken zu entspannen. Da er selbst entschieden hat, wann und wie er seine Alltagshandlung ändert, gelingt es ihm besser, es umzusetzen und dabei Erfahrungen zu sammeln, ob es wirklich bei seinen Rückenschmerzen hilft. Seine Erfahrungen steuern den weiteren Therapieprozess.

Bei Huberts Therapie können wir folgende klientenzentrierte Merkmale erkennen:
-    Er diskutiert gleichberechtigt mit seiner Ergotherapeutin
-    Hubert entscheidet, wie er seinen Alltag an seine Schmerzen anpasst
-    Er trägt die Verantwortung für die Umsetzung

Bei der Ergotherapeutin können wir diese klientenzentrierten Merkmale erkennen:
-    Indem sie Videoaufnahmen einsetzt, hilft sie Hubert, sich selbst zu beobachten und genau „von außen“ wahrzunehmen, was seine Probleme bei der Aktivität sein könnten 
-    Sie gibt keine Lösungen vor, sondern benutzt ihr Fachwissen, um die Handlung „Kochen“ zu analysieren
-    Sie gibt Informationen über Bück- und Hebetechniken, die für diese Handlung wichtig sind

garconWie funktioniert das mit Kindern und schwerkranken Menschen?

Kinder ab 4-5 Jahren können oft erstaunlich gut sagen, was sie im Alltag besser können wollen (z.B. alleine Brot streichen, Fahrrad fahren, Tore schießen). Eltern und Lehrer/Erzieher sagen uns, was ein Kind besser können soll (Tisch decken, Hausaufgaben machen, Klassenaufgaben erledigen). Wir haben also mehrere Klienten. Alle Anliegen sind gleich wichtig, wobei das Anliegen des Kindes meist Vorrang bekommt, denn die Ergotherapeutin will dem Kind zeigen, dass sie seine Veränderungswünsche ernst nimmt.
Schwerkranke Menschen brauchen vielleicht Unterstützung, um uns sagen zu können, was sie verändern möchten. Angehörigen, Familie, Pflegepersonen - kurz gesagt, alle, die dabei sind - sollten ebenfalls ihre Veränderungswünsche äußern.

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Beispiele, wie wir Menschen helfen, zu sagen, welche Alltagshandlungen sie verändern möchten


- Wir lassen einen Tagesablauf erstellen, in welchem alle Alltags-handlungen beschrieben werden; der Klient / die Klientengruppe sagt, was gut geht und was verändert werden sollte
- Wir benutzen das COPM
- Wir setzen geeignete Kommunikations- und Gesprächstechniken ein



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Klientenzentrierte Ergotherapie bei einem Kind


Frederik ist 5 Jahre alt und kam schon behindert zur Welt. Er kann nicht gut sehen und ist langsamer als andere Kinder. Es ist ein fröhliches Kind, das gerne spielt und tobt. Seine Mutter ist psychisch krank und kann sich nur mit Hilfe um Frederik kümmern. Er hat keinen Kontakt zu seinem Vater. Die Ergotherapeutin benutzt eine angepasste Form des COPM und stellt ihm Fragen zu seinem Alltag. Was geht gut? Was geht nicht so gut? Frederik sagt u.a., dass er möchte, dass die Mama „nicht so hart die Zähne robbt“. Die Lösung – das Einsetzen einer elektrischen Zahnbürste - wurde von der Ergotherapeutin, der Mutter und Frederik erarbeitet. Innerhalb von zwei Wochen konnte Frederik allein seine Zähne putzen.

Frederik war sehr stolz, selbst etwas in seinem Alltag verändert zu haben!


Klientenzentrierung ist eine Grundhaltung von Ergotherapeuten, genauso wie Betätigungsorientierung.